Wie Samsung mit Computational Design die Wearable-Technologie weiterentwickelt
Die Entwicklung von Wearables, die sowohl komfortabel sitzen als auch angenehm zu tragen sind, sind eine große Herausforderung der Technologiebranche. Da die menschliche Anatomie sehr individuell ist, gleicht der Entwurf von Geräten, die für möglichst viele gleichermaßen funktionieren, einer Mammutaufgabe. Doch was wäre, wenn sich Komfort, Passform und präzise Sensorik so aufeinander abstimmen ließen, dass sie für nahezu jede Person passen?

Die Antwort von Samsung auf diese Herausforderung lautet Computational Design. Dieser multidimensionale Ansatz nutzt AI und hochmoderne Rechenleistung, um Hunderttausende quantitativer und qualitativer Datenpunkte zu analysieren. Auf dieser Basis werden Produktdesigns mit höchster Präzision generiert, getestet und kontinuierlich verfeinert. Das Ziel ist klar: Weg von subjektivem Feedback, hin zu einer objektiven, datengesteuerten Entwicklung. So entstehen Produkte, die einer breiten Zielgruppe eine hervorragende Passform bieten.
Diese Beschreibung des Computational Designs ist sehr abstrakt. Um zu verstehen, wie die Technologie in der Praxis zur Entwicklung von Premium-Wearables beigetragen hat, lohnt sich ein Blick ins Samsung Design Innovation Center (SDIC) in San Francisco. Das Computational Design Lab gewährt Einblick hinter die Kulissen dieses hochmodernen Prozesses und zeigt ihn in Aktion.
Das SDIC steht unter der Leitung von Federico Casalegno, Executive Vice President of Design bei Samsung. Die Designschmiede unterhält Büros nahe des Jackson Square in San Francisco, einem kreativen Hotspot im Herzen der Stadt, sowie im Station F in Paris, dem weltweit größten Startup-Campus. Von diesen inspirierenden Standorten aus entwirft das SDIC Zukunftsvisionen und gestaltet die Technologie von morgen.
Das SDIC versteht sich als dynamische Ideenschmiede und kreativer Hub. Hier verbindet ein multidisziplinäres Team aus hochqualifizierten Tech-Expert*innen, Designer*innen, Geisteswissenschaftler*innen und Innovatoren die Bereiche Computational Design, Interoperabilität und User Experience nahtlos miteinander. Umgeben von raumhohen Whiteboards herrscht eine lebendige Atmosphäre: In inspirierenden Diskussionen und durch kreative Problemlösungsansätze arbeitet das Team gemeinsam daran, die nächste Generation an Produktinnovationen zu entwickeln.

Mitarbeitende im Office bei ihrer täglichen Arbeit
Federico Casalegno gestaltet den Bereich Computational Design seit mehr als 20 Jahren mit. Im Mittelpunkt das Interviews mit ihm und Mitgliedern seines Teams stand die Frage, wie das SDIC Computational Design als zentrales Tool einsetzt, um das Nutzererlebnis der Samsung Wearables, insbesondere der Samsung Galaxy Buds4-Serie immer weiter zu verbessern.

Federico Casalegno, Executive Vice President of Design bei Samsung
Herr Casalegno, erzählen Sie uns bitte etwas über die Rolle des SDIC.
„Unsere Mission beim SDIC ist es, durch ein tiefes Verständnis für die Menschen und ihren sich wandelnden Lebensstil Produkte zu schaffen, die ihr Leben bereichern, immer im Rahmen eines menschenzentrierten Designs. Wir möchten unsere Kund*innen begeistern und Produkte entwickeln, die ihnen dabei helfen, ein glückliches, gesundes, kreatives und produktives Leben zu führen. Gleichzeitig wollen wir eine bessere Zukunft für alle gestalten. Um das zu erreichen, verbindet das SDIC die Kraft von Design und Kreativität mit datengestützten Entscheidungen. Unterstützt durch AI, maschinelles Lernen, Robotik und fortschrittliche Computertechnologien erweitert unser multidisziplinäres Team kontinuierlich die Grenzen des Möglichen. Das Ergebnis sind beeindruckende Nutzererlebnisse mit echtem, spürbarem Mehrwert.“

Federico bei der Arbeit mit seinen Teammitgliedern
Warum hat Samsung begonnen Computational Design einzusetzen?
„Wir leben in einer Zeit großer technologischer Innovationen. Dennoch war unser Ansatz schon immer sehr menschenzentriert: Wir wollen Produkte für die Menschen entwerfen, anstatt von ihnen zu erwarten, sich an unsere Produkte anzupassen. Deshalb setzen wir auf Computational Design und die enorme Leistungsfähigkeit von AI, Daten und Rechenleistung. Unser Ziel ist es, Geräte zu entwickeln, die absolut funktional, intuitiv und komfortabel sind und gleichzeitig durch ein ästhetisches, hochwertiges Design überzeugen.“

Analyse von Ohrdaten und 3D-Modellierung für die Samsung Galaxy Buds4-Serie
Inwiefern unterscheidet sich Computational Design vom traditionellen Design?
„Durch Computational Design können wir die grundlegende Einschränkung des traditionellen Designs überwinden: die Abhängigkeit von einer kleinen Stichprobe an Testpersonen. Bei etwas so Persönlichem wie einem Wearable, das den ganzen Tag direkt am Körper getragen wird, ist das eine enorme Herausforderung.
Betrachten wir das menschliche Ohr, wird schnell klar: Jede Ohrmuschel hat eine einzigartige Form. Ebenso verhält es sich mit der Krümmung von Handgelenken. Wenn wir Produkte auf Basis einer kleinen Stichprobe für einen vermeintlichen Durchschnitt entwerfen, entwickeln wir am Ende etwas für eine Person, die es in der Realität gar nicht gibt. Das würde bedeuten, dass wir bei einem großen Teil unserer Nutzer*innen Kompromisse beim Tragekomfort eingehen müssten und das ist für uns inakzeptabel. Der Computational-Design-Ansatz liefert unseren Teams objektive, verlässliche Erkenntnisse, die mit unseren früheren Methoden schlicht unerreicht geblieben wären. Er hilft Samsung dabei, spürbar verbesserte Wearables zu entwickeln.“
Bitte erläutern Sie ausführlich, wie der Computational-Design-Prozess im Labor abläuft und wie er bei der Samsung Galaxy Buds4-Serie umgesetzt wurde.
„Unser Computational-Design-Prozess stützt sich im Wesentlichen auf 3 Säulen: echte Menschen, digitale Zwillinge und Robotik. Zunächst erfassen wir 3D- und 4D-Scans einer Vielzahl von Menschen weltweit. Diese präzisen anatomischen Daten integrieren wir in unser System, um digitale Zwillinge zu erstellen. Im nächsten Schritt führen wir AI-gestützte und physikbasierte Simulationen durch, deren Ergebnisse wir anschließend durch physische Robotertests auf Herz und Nieren prüfen.
Für die Samsung Galaxy Buds4-Serie haben wir genau diesen Prozess angewendet, um einen hohen Tragekomfort und brillanten Klang zu erzielen. Wir haben hunderte Millionen globaler Ohr-Datenpunkte analysiert und mehr als 10.000 Simulationen durchgeführt, um das neue Design immer weiter zu verbessern. Diese objektiven Daten führten dazu, dass wir das Gehäuse der Samsung Galaxy Buds4 subtil verkleinert und den Drehwinkel verfeinert haben. Das mögen geringfügige Anpassungen sein, aber in der Praxis sorgt das für spürbar mehr Stabilität und Komfort.“
Viele Unternehmen setzen mittlerweile AI in ihrem Designprozess ein. Was macht den Computational-Design-Ansatz von Samsung so besonders?
„Der entscheidende Unterschied liegt nicht in der AI selbst, sondern in den Daten. Unser Computational-Design-Prozess basiert auf einem einzigartigen, eigens von Samsung entwickelten Datensatz. Auf dieser Basis hat unser Team mehrere spezialisierte AI-Programme kreiert. Diese Kombination gibt uns exklusive Einblicke, während wir unsere Prozesse und Methoden kontinuierlich weiterentwickeln. Getragen wird dieser Erfolg letztlich von unserer Teamkultur: dem außergewöhnlichen Talent und der engen, interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen unseren kreativen Designer*innen sowie unseren AI-Ingenieur*innen.“
Es wird viel darüber diskutiert, dass AI menschliche Designer*innen ersetzen könnte. Wie schafft Samsung in seinem Designprozess ein Gleichgewicht zwischen Technologie und dem menschlichen Faktor?
„AI ist eine starke Technologie, die nicht mehr verschwinden wird. Wir müssen lernen, zielgerichtet mit ihr zu arbeiten. Das beginnt damit, AI als bemerkenswerte Partnerin für Automatisierung, Optimierung, Berechnungen und Produktion zu akzeptieren. Gleichzeitig müssen wir uns immer bewusst sein: Sie ist ein Tool, das Designer*innen dabei unterstützen kann, die Qualität ihrer Arbeit zu steigern, jedoch kein Ersatz für sie. Andernfalls laufen wir Gefahr, dass die AI einen Schritt zu weit geht und den menschlichen Nutzer*innen aufzwingt, was sie als Perfektion definiert. Am Ende des Tages gilt: Technologie ohne Menschlichkeit ist Perfektion ohne Sinn. Unsere Designer*innen nutzen diese neuen Technologien gezielt, um ihre Kreativität und Produktivität zu steigern, überlassen das Design aber niemals der AI allein.
Zudem ist entscheidend, dass der Mensch die volle Verantwortung für den ethischen Kompass behält, während er Aufgaben an AI-Tools delegiert. Dieses menschliche Element stellt sicher, dass wir AI verantwortungsvoll einsetzen und unsere Designs auf einem unerschütterlichen Fundament aus Vertrauen, Datenschutz und grundlegenden menschlichen Werten aufbauen.“
Wie wird sich Computational Design Ihrer Meinung nach in den nächsten 10 Jahren weiterentwickeln?
„Computational Design ist mittlerweile ein grundlegender Bestandteil des Entwicklungsprozesses für all unsere Wearables bei Samsung. Unser Ziel bleibt unverändert: Wir wollen Tragbarkeit, Passform, Komfort und Sensorleistung maximieren, um den Menschen zu unterstützen, die diese Produkte täglich nutzen.

Federico Casalegno und sein Team mit Samsung Galaxy Buds4 und der Galaxy Watch8
Mit Blick auf die Zukunft liegt die wahre Stärke dieses Prozesses in seiner kontinuierlichen Weiterentwicklung. Da unser Datensatz stetig wächst, werden maßgeschneiderte AI-Tools künftig für noch präzisere Simulationen und tiefere Einblicke sorgen. Diese symbiotische Partnerschaft zwischen Computational Design und AI setzt zusätzliche Kreativität bei unseren Designer*innen frei. Sie versetzt uns in die Lage, auch in Zukunft messbar verbesserte Produkte und Nutzungsmöglichkeiten zu schaffen.“
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