Ist Deutschland bereit für 5G?

02.04.2020
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Rückblick auf ein Gespräch zwischen Unternehmern, Forschern und Politik im Rahmen von Solve for Tomorrow, dem Programm von Samsung zur Förderung junger Ideen

 

Nimmt man den Stand der Patentanmeldungen als Gradmesser für Innovation, zählt Deutschland zur Weltspitze. Doch wie steht es um die Durchsetzungskraft, den großen wissenschaftlichen Fortschritten auch zum kommerziellen Durchbruch zu verhelfen? Schließlich wurden Innovationen wie das MP3-Format hierzulande erforscht, aber die Wertschöpfung wurde zum großen Teil aus anderen Märkten vorangetrieben. Mit 5G steht die nächste Technologie in den Startlöchern mit enormen Chancen für die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft. Sind die Weichen richtig gestellt, um das Potenzial der Technologie zu heben?

 

 

Anfang des Jahres kam in Berlin eine Gesprächsrunde zusammen, die diese Fragen insbesondere mit Blick auf die junge Generation diskutierte. Moderatorin Céline Flores Willers, Influencerin für Entrepreneurship und Innovation, sprach mit Steffen Ganders, Director Corporate Affairs bei Samsung, Dr. Rico Radeke vom 5G Lab Germany, Digitalpolitiker Yannick Haan, Jungunternehmer Charles Bahr sowie Gründerin Anne Kjær Bathel. Anlass für das Gespräch war das Finale der „Idea Phase“ im Programm „Solve for Tomorrow“, mit dem Samsung junge Menschen dabei unterstützt, eigene Ideen für 5G-Anwendungen mit gesellschaftlichem Mehrwert auszuarbeiten. Nun beginnt die zweite Etappe des Programms, in der die Finalisten mit Unterstützung von Samsung, dem 5G Lab Germany und der Innovationsschmiede ekipa ihre Projekte weiter vorantreiben mit dem Ziel, einen ersten Prototyp zu entwickeln. Zum Start der „Impact Phase“ geben wir einen Rückblick auf das Gespräch der Experten, die die Rahmenbedingungen für Innovation in Deutschland diskutierten.

 

Welche deutsche Erfindung der letzten Jahre hat bei den Experten Eindruck hinterlassen?

 

Als großer Robotik-Fan erinnert sich 5G-Experte Dr. Rico Radeke vom 5G Lab Germany besonders an eine Erfindung aus seiner Heimat: „Eine junge Dresdner Firma namens Wandelbots hat einen Trace-Pen entwickelt. Das ist im Grunde ein Stift mit jeder Menge verbauter Sensorik, mit dem ich als Mensch eine Bewegung ausführen kann, zum Beispiel eine Schraube lösen oder etwas polieren. Und der Roboter macht das dann nach. Das ist brillant, weil es keinerlei Programmierung benötigt.“ Die Software generiere anschließend aus den eingescannten Daten den Code. „Das ist Next-Gen-Robotics, und genau die brauchen wir. Denn was 5G so spannend macht, ist die Echtzeit-Interaktion zwischen Mensch und Maschine. Ich gebe einen Befehl, der Roboter setzt ihn nahezu ohne Verzögerung um.“ Vom deutschen Mittelstand zeigt sich auch die gebürtige Dänin Anne Kjaer Bathel begeistert: „Für mich ist es nicht eine bestimmte Innovation, sondern der deutsche Erfindergeist, der oft aus dem Kleinen kommt. Diese „Hidden Champions“ machen Deutschland so stark, der klassische deutsche Mittelstand, der Unmengen an Patenten hält.“ Nach Meinung der Unternehmerin dürften diese gerne etwas lauter sein: „Wir haben in Deutschland Weltmarktführer, die keiner kennt. Das sollten wir ändern“

 

Für Steffen Ganders von Samsung ist es klar das MP3-Format, wobei er direkt eine spannende Debatte unter allen Teilnehmern anstößt: „Die Frage ist immer: Kommt eine Innovation aus Deutschland und wird sie auch hier vermarktet? Das MP3-Format wurde ab 1982 vom Fraunhofer Institut entwickelt. Nur die kommerzielle Verwertung wurde dann von internationalen Konzernen getrieben. Deutsche Spitzenforschung ist oft zu leise, und zu häufig wandern Erfindungen dann ins Silicon Valley ab.“ Das könne man Forschungseinrichtungen und mittelständischen Firmen nicht vorwerfen, wohl aber sollten wir darüber nachdenken, warum das so ist: „Wir haben keinen Mangel an Innovation in Deutschland, schon gleich gar nicht an unseren exzellenten Universitäten. Vielmehr müssen wir uns die Frage stellen, warum so viel hier erfunden, aber nicht von deutschen Firmen vermarktet wird.“

 

 

Zeit-Online-Autor und Digitalpolitiker Yannick Haan beklagt aber auch Mängel in der digitalen Infrastruktur: „Fahre ich nur ein bisschen raus aus Berlin, dann gibt’s schon kein schnelles Internet mehr. Möchte ich eine Firma gründen, muss ich dafür in den Kern der Stadt ziehen, einfach nur, um arbeiten zu können.“ Das sei Irrsinn, schließlich sei es für ein Start-up mit wenig Kapital möglicherweise sinnvoller, sich außerhalb von Großstädten anzusiedeln. Auch er möchte sich nicht auf eine bestimmte Innovation festlegen, sondern einen Bereich nennen: „Blockchain-Technologie wird uns die Kontrolle über unsere Daten zurückgeben, und in diesem Feld sind wir in Berlin sehr stark aufgestellt“, findet der Buchautor von „Gesellschaft im digitalen Wandel.“

 

Welche Voraussetzungen brauchen große Erfindungen, um die Welt zu erobern?

 
Charles Bahr meint zu dieser Frage: „Wir haben das Potenzial, Milliarden-Konzerne in Deutschland zu bauen, die Innovationen etwa im Finanzsektor sind da – N26 disruptiert gerade den ganzen Markt. Doch der Mut ist noch zu selten anzutreffen: Ich berate ja zum Beispiel viele große Konzerne und sitze dort oft mit – pardon – älteren Gentlemen in einem Raum, die in erster Linie Angst haben, etwas falsch zu machen. Wir haben nicht diese Kultur, etwas auszuprobieren, daraus zu lernen und wieder anzugreifen, sondern immer Angst, dass etwas nicht beim ersten Anlauf funktioniert, deshalb lassen viele es gleich bleiben.“

 

„Auch wenn die Szene in den letzten Jahren eine erfreuliche Entwicklung erlebt hat, hat Deutschland immer noch mit einer Gründungszögerlichkeit zu kämpfen. Trotz aller Bemühungen sinkt in Deutschland seit Jahren der Anteil der Gründer an der Erwerbsbevölkerung. Insbesondere jungen Menschen fehlt es in der Mehrheit – das bestätigen Umfragen – schlicht an unternehmerischem Grundwissen und dem Mut zu gründen. Das ist der Hebel, bei dem wir ansetzen können: ein Mindset zu fördern und Lust zu wecken, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen – das kann sich in einer eigenen Gründung ausdrücken oder in dem Engagement, die dringend benötigte Transformation in Unternehmen voranzutreiben“, stimmt Steffen Ganders zu.

 

Auch Charles Bahr sieht die Amerikaner nicht nur bei der finanziellen Power voraus, sondern auch beim Mindset. „Ich glaube, wir müssen bereits in der Schule beginnen, eine gewisse Risikobereitschaft – denn nichts anderes ist ja Entrepreneurship – zu belohnen und zu fördern. Ich sehe hier ein erhebliches Defizit im deutschen Bildungssystem. Wir lernen viel nach Schablone, lernen viel auswendig. Und diese Schablone im Kopf überträgt sich mitunter sogar in die Vorstände und oberen Managementebenen.“

 

Spannend: Bahr ist kein Fan von VC-Investments. „Ich gebe ungerne das Geld anderer aus, denn nichts anderes ist VC-Kapital. Die kleineren Summen, die wir bislang erhalten haben, wurden immer schnell zurückgezahlt – geborgtes Geld ist meist teures Geld.“ Zudem sei er kein Freund des im Silicon Valley verbreiteten Systems, wo Firmen künstlich aufgeblasen werden, obwohl wenig Wert dahinter stünde: „Selbst, wer nie Gewinn macht, kann Milliarden wert sein. In Deutschland neigen wir dazu, das Geld selbst zu verdienen, was, denke ich, eine Tugend ist. Wir wachsen dadurch langsamer, aber das ist nicht zwingend ungesund.“

 

Eine ausschließlich auf Wachstum orientierte Gründungskultur sieht auch Yannick Haan kritisch: „Im Silicon Valley geht es häufig um Wachstum um jeden Preis. Die Firmen werden mit Geld derart zugeschüttet, dass sie immer schneller und brutaler wachsen müssen, was wenig Raum gibt für soziale Aspekte.“

 

Anne Kjaer Bathel hat als Unternehmerin mit sozialem Fokus eine ganz andere Herausforderung: „Niemand investiert in eine soziale Company, die nicht auf Profitmaximierung ausgerichtet ist. Insofern spiele ich ohnehin ein ganz anderes Spiel – wir müssen Cashflow-positiv arbeiten, so schnell es geht.“ Sie ist allerdings der Meinung, dass Deutschland enorm viel Geld investiert, was an anderer Stelle besser aufgehoben wäre: „Aktuell dauert es vier Jahre, bis Geflüchtete eine uneingeschränkte Arbeitserlaubnis erhalten. Das kostet den Staat Unmengen an Geld, statt diese Menschen einfach arbeiten zu lassen. Sie schaffen dann Jobs und werden zu Steuerzahlern, was in unserem Interesse sein sollte.“ Auch Haan ist der Meinung, dass die Regierung Fonds einrichten sollte, die Unternehmen mit gemeinnütziger Ausrichtung unterstützen.

 

 

Wie zündet der Gründungsfunke?

 
Steffen Ganders führt Elon Musk als Beispiel an: „Ein Mann, der erst die Disruption im Payment-Bereich hervorgerufen und die Art verändert hat, wie wir Geld senden, und jetzt die Automobilbranche auf den Kopf stellt. Das ist, schätze ich, das größte Erfolgsgeheimnis: Dass ein Outsider in eine Branche kommt, der anders denkt.“ Das sei der Grund, warum so viele Konzerne gerade Corporate Ventures starteten: Konzerne profitierten durch die Zusammenarbeit mit Start-ups, die mit einem frischen Blickwinkel in ihr Geschäftsfeld reingehen. „Das ist ja für uns als Samsung auch einer der Gründe, warum wir einen Ideenwettbewerb wie „Solve for Tomorrow“ ins Leben gerufen haben. Er richtet sich an Studierende aller Fachrichtungen. Durch die interdisziplinäre Zusammenstellung der Teams entstehen vollkommen neue Ansätze, Technologien wie 5G sinnhaft einzusetzen – von der Ersten Hilfe bis zur Warnung vor Gaslecks. Wir wollen auf breiter Ebene dazu ermutigen, dass sich junge Menschen Technologie für ihre Visionen zunutze machen. Gerade wenn wir über 5G reden, merke ich immer wieder, dass sehr viele Menschen sich gar nicht vorstellen können, was für eine gewaltige Chance das für uns ist, und genau darüber müssen wir den Dialog anstoßen.“

 

Auch Dr. Radeke ist davon überzeugt, dass Deutschland ein mutiges Mindset guttäte: „Wir sind in Deutschland zu Risiko-avers, und ich bin schon lange der Meinung, dass wir in Schule und Universitäten mehr tun sollten, um den kreativen Geist freizulassen. Wir rufen zu häufig auswendig gelerntes Wissen ab und belohnen zu wenig, wenn jemand kreative Lösungswege findet, die sich abseits der Norm befinden.“ Glücklich ist er darüber, dass mittlerweile sehr viele Universitäten das Gründen eines Start-ups aktiv fördern. Dass der Bedarf da ist, zeige die Resonanz auf Initiativen wie „Solve for Tomorrow“.

 

 

„Das ist auch meine Mission und der eigentliche Grund, warum ich Interviews gebe und recht viel in der Presse bin: Ich möchte jungen Menschen zeigen: Hey, geh raus, zeig was du kannst, hab das Selbstvertrauen etwas aufzubauen“, ergänzt Charles Bahr. Begeistert zeigt er sich auch von den Kandidaten: „Nach diesem großartigen Finale mit all den vielen Ideen der „Solve for Tomorrow“-Teams – von Robo-Chirurgie über Next-Generation-Erste-Hilfe und Apps, mit denen wir die Nahrungsmittelverschwendung eingrenzen können – glaube ich, wir sollten darüber mehr auf jungen Plattformen wie TikTok reden. Ich wusste vieles davon nicht, und ich schätze, den meisten ist noch nicht bewusst, dass wir mit 5G nicht nur besser Fortnite spielen können, sondern sich eine komplett neue Welt der technischen Interaktion ergibt.“

 

Ist Deutschland bereit für 5G?

 
Dr. Radeke: „Wir sind bereit für 5G, weil sich unser technologisches Verständnis stark zum Positiven gewandelt hat. Als wir 4G eingeführt haben, war die Technologie da, man fing erst dann an nach der Killer-App zu suchen, sprich nach den großen Projekten, die 4G ausreizen. Heute gehen wir da ganz anders ran: Täglich spreche ich mit Firmen, die es gar nicht erwarten können, dass endlich 5G verfügbar ist, weil ihre Produktpläne schon lange in der Schublade schlummern und nur umgesetzt werden müssen. Mitunter sind diese Produkte sogar schon fertig – sie warten nur darauf, dass 5G in größeren Teilen Deutschlands verfügbar wird. Es geht jetzt nur noch darum, das System auszurollen, die deutsche Wirtschaft, gerade der Mittelstand, ist in meiner Wahrnehmung bereit.“

 

„Solve for Tomorrow hat gezeigt, wie viele Möglichkeiten es gibt, 5G einzusetzen. Es ist jetzt eine Frage von Investitionen, um den Ausbau voranzubringen. Die Technologie ist da, sie muss eben ausgerollt werden – und das am besten unter breiter gesellschaftlicher Mitwirkung“, schließt Steffen Ganders an.

 

„Im Grunde ist Deutschland B2B-Land. Das ist unsere größte Stärke. Nach der Debatte heute kann ich mir gut vorstellen, dass uns 5G im weltweiten Wettbewerb nach vorne katapultieren wird“, resümiert Moderatorin Céline Flores Willers.

 

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